tip edition 2006

Grenzgänger


In Berlin ist vieles möglich – nach wie vor. Voraussetzung ist ein gutes Konzept, sagt Stephan Knauf von plan4, der in Berlin die berufliche Metamorphose vom Architekten zum Möbeldesinger erlebte. Eine Erfolgsgeschichte.

Stephan Knauf steigt in seinen blauen Renault Kombi, startet den Motor und dreht das Autoradio lauter. Es geht los. 300 Kilometer Richtung Osten, nach Polen um neue Ware in Empfang zu nehmen. Massivholzware, von ihm designt und von Leo und Wiesiek, zwei polnischen Schreinern, gebaut.
Heute steht die Abholung des Regalsystems „r01“ mit und ohne Klappflügeltüren in Weiß-Grün oder Pastellorange auf dem Programm.

Doch das Lieblingsstück aus Stephan Knaufs Kollektion ist ein Tisch. Ein klassischer Tisch ohne Schnickschnack und Schnörkel. Mit diesem Stück fing seine Karriere als Möbeldesigner an. Ein Konferenztisch für eine junge, aufstrebende Firma im Aufwind der New Economy sollte es werden. Das war ende der 90er, und zu dem Konferenztisch kamen 100 weitere Schreibtische, Stühle und Schranksysteme. Die Möbel sollten flexibel sein und mitwachsen können, sich dem Wachstum der Firma anpassen, denn das war rasant. An eine Karriere als Möbeldesigner hat Stephan Knauf nicht gedacht, als er vier Jahre zuvor, nach dem Architekturstudium in Hamburg, seinen ersten Job in der Uckermark antrat, um Einfamilienhäuser für Kleinfamilien zu entwerfen. Aber nach ein paar Jahren auf dem Land zog es ihn zurück in die Großstadt. Und was dann in Berlin passierte, „wäre in Hamburg so nie möglich gewesen, dafür sind dort die Strukturen viel zu etabliert“. Der Gründergeist der Nachwendezeit steckte viele an. So wurden Berufsanfänger mit Grossaufträgen versorgt und mussten sich nicht erst eine lange Referenzliste erarbeiten, bevor man ihnen vertraute.
Dann kam die New Economy, und mit ihr gab es kein Halten mehr. Aus jeder kleinen Hinterhofbutze wurde ein Start-up-Unternehmen mit prosperierenden Erfolgsaussichten. Die Banken gaben Geld, neue Büroräume entstanden – und es wurde Wert gelegt auf schickes Mobiliar. Keine Grossmarkt-Schranksysteme, sondern Möbel mit Stil. 2001 dann der Crash und mit ihm viele Firmenpleiten.

Doch inzwischen befindet sich Berlin wieder in Gründerzeitstimmung. Alles ist ein bisschen überschaubarer geworden, Start-ups lassen sich kaum noch in Lofts nieder, dafür in Ladenlokalen. Trotzdem gilt, laut Knauf, immer noch: „Wenn du ein gutes Konzept hast, fragt keiner woher du kommst“. Berlin ist der ideale Ort um jungen Kreativen bei der Arbeit über die Schulter zu gucken.
Ladenlokale sind billig, und in manchen Stadtteilen sind die Hausbesitzer froh, wenn jemand wenigstens für die Heizkosten aufkommt oder einfach den Laden renoviert; dafür gibt es dann schon mal ein paar Monate mietfrei. Ob Mode-, Möbel-, Produktdesigner oder Architekt. In jedem Laden herrscht ein anderer kreativer Geist mit anderer Arbeitsweise und anderem Output, mal ist der Laden direkt an das Atelier angeschlossen, oft sitzt der Meister selbst im Schowroom und schraubt an seinen Stücken herum.

Mit dem Grossauftrag für die Konferenztische wurde aus dem Architekten Knauf ein Möbeldesigner. Zu dem Tisch kam ein Hängesystem mit Schiebetüren, zwei Betten und das Sideboard „s01“. Schnell kamen die nächsten Aufträge: das Interior für den Schuhladen Orlando und Ausstattung einer Bar an der Gethsemanekirche. Und der Name für sein Label: plan4. Um auch Privatkunden zu erreichen, mietet Knauf einen Laden in der Danziger Strasse an. Schlicht eingerichtet, damit nichts von den Möbeln in der Auslage ablenkt. Vorne wird ausgestellt und hinten gearbeitet. Am Computer die Bestellung aufgenommen und auf dem Schneidebrett neue Möbel designt.
Knaufs Konzept lässt sich mit einem Wort beschreiben: Modul. Er selbst bezeichnet sich gern als Modulfreak und liebt Möbel die sich in alle möglichen Dinge verwandeln lassen: Aus den Schieberegalen können ganze Küchen genauso wie Wickelkommoden oder Bettunterschränke zusammengestellt werden. „Alles ist möglich“ könnte sein Motto lauten, im Zweifel wird das Modul exakt dem Kundenwunsch angepasst. Soll die Tür bunt werden, lässt er sie farbig furnieren. Nur eins wird nie passieren. Das falsche Material kommt Knauf nicht ins Haus. Kein Plastik, kein Press-Span. Der 40-jährige bevorzugt die deutsche beziehungsweise europäische Eiche. Massiv und unfurniert erlebt sie in den letzten Jahren ihr Comeback.
Ist ein neues Modell in seinem Kopf geboren, bastelt er erst einmal mit Leo und Wiesiek, den polnischen Schreinern, am Prototyp. Ein oder zwei davon müssen schon entstehen bis das perfekte Design gefunden ist. Die werden dann an Freunde verkauft, oder der Meister selbst nimmt sich des unperfekten Stücks an. Knaufs Wohnung besteht nur aus Prototypen. Danach gehen die Möbel auf der polnischen Schreinerbank in Produktion. Und wenn wieder eine Ladung Tische, Schränke oder Module fertig ist, setzt sich der Designer in seinen blauen Renault Kombi und fährt 300 Kilometer Richtung Osten, um die neue Ware in Empfang zu nehmen.

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